Anna Berkenbusch

Um über die Vergabe des Bundespreises Ecodesign entscheiden zu können, greifen wir auf die Kenntnisse und breite Aufstellung von ausgewiesenen Fachleuten zurück. Die Bewertung von u. a. Innovationsgehalt, Gestaltungsqualität und Umwelteigenschaften erfolgt daher in einem zweistufigen Verfahren, in dem zunächst ein Expert*innengremium entscheidet, welche Wettbewerbsbeiträge zur Jurysitzung zugelassen werden. Im Anschluss kommt die interdisziplinär besetzte Jury zusammen und wählt Nominierte und Preisträger*innen in den Kategorien Produkt, Service, Konzept sowie Nachwuchs. Der Preis kann in jeder Kategorie mehrfach vergeben werden.

Anna Berkenbusch ist Kommunikationsdesignerin und wirkte bis 2020 als Professorin an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Seit 2018 ist sie Jury-Vorsitzende des Bundespreis Ecodesign. Ihre Arbeiten erhielten zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen.

Bitte beschreiben Sie kurz Ihre Tätigkeit außerhalb Ihrer Rolle als Jury-Vorsitzende des Bundespreises Ecodesign. Welche Motivation steckt hinter Ihrem beruflichen Werdegang?

Seit den frühen 1980iger Jahren betreibe ich ein Designstudio in Berlin, das vornehmlich für Aufgaben aus dem kulturellen und sozialen Bereich gestaltet. Als Gestalterin und Professorin (em.) für Kommunikationsdesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle interessiert mich vor allem der Umgang mit Sprache und Codes in Bezug auf Kommunikationsprozesse, die das tägliche Zusammenleben erleichtern. Design ist ein Werkzeug, um Informationen zu strukturieren und verständlich zu machen – und im besten Fall Handlungsoptionen aufzuzeigen.

Was sind für Sie als Jurymitglied die wichtigsten Aspekte, die im Designprozess mitgedacht werden sollten? Auf welche Kriterien legen Sie bei der Bewertung einer Einreichung am meisten Wert?

Für mich ist Verständlichkeit von Prozessen und Produktoberflächen wichtig (obwohl mir klar ist, dass nicht alle Vorgänge auf einfache Botschaften herunterzubrechen sind). Trotzdem kann Design Klarheit und Verständlichkeit schaffen und Dienstleistungen oder Produkte so gestalten, dass sie den Alltag bereichern und verbessern. Es freut mich, wenn ein nachhaltiger Designprozess, bei dem die Hinwendung zum*r Nutzer*in im Vordergrund steht, auch die Interessen der Gemeinschaft berücksichtigt. Außerdem ist gute Gestaltung für mich ein wichtiges Kriterium. Es kann den Wert, d.h. die Funktion, die visuelle Schönheit oder die Nützlichkeit einer Einreichung deutlich machen und so ein Alleinstellungsmerkmal sein. Neben einfachen und leicht handhabbaren Services und Produkten scheint mir wichtig, auch große Player mit im Boot zu haben, die als Multiplikator*innen in Bezug auf Nachhaltigkeit Verhaltensänderungen unterstützen und so einen Stein ins Rollen bringen können.

Wenn es zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen zwei Einreichungen kommt, wie sieht dann ihr persönlicher Abwägungsprozess aus? Wie überwindet die Jury Meinungsverschiedenheiten?

Die Einreichungen werden oft mehrfach diskutiert. Jede*r Juror*in hat einen anderen Blick auf die Einreichungen, das macht die Jurysitzungen so spannend. Wir kommen aus ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen, deshalb sind gerade die kontroversen Gespräche über manche Einreichungen sehr interessant – und vor allem sinnvoll, um die Arbeit zu verstehen, richtig einzuordnen und unter verschiedenen Prämissen zu betrachten. Die Jury nimmt sich die Zeit, die verschiedenen Zugänge zum Thema und die jeweilige Expertise der Juror*innen mit einzubeziehen. Darüber hinaus werden die Diskussionen durch die Einschätzungen des Projektbeirats gestützt. Manchmal muss eine Entscheidung auch kurz vertagt werden. Fragliche Einreichungen werden – wie gesagt – nicht nur einmal diskutiert. In der Regel gibt es dann nach zwei Durchgängen und ausführlicher Diskussion eine tragfähige Entscheidung.

Bei welchem Projekt aus den letzten Jahren hatten Sie ein Aha-Erlebnis und warum?

Fasziniert haben mich die beiden Einreichungen „SeeKuh“ und „SeeElefant“ von One Earth - One Ocean e.V. 2016 und 2019. Zwei Schiffe, die Plastikmüll aus dem Meer fischen und diesen direkt der Weiterverarbeitung zuführen, das hat mich beeindruckt. Und ich freue mich, dass die Schiffe auch eingesetzt werden.
Aber es gab noch viele andere Projekte, die mich besonders begeistert haben, zum Beispiel die Einreichung Expedition 2 Grad aus dem Jahr 2020, die durch Augmented Reality die immensen Ausmaße der Gletscherschmelze erlebbar macht und einen Blick in die Zukunft zeigt.
Mir persönlich liegen auch die kleinen Erfindungen am Herzen, die helfen, jeden Tag Müll oder umweltschädliche Chemikalien zu vermeiden, wie zum Beispiel das kompostierbare Allzweckhaushaltspapier Compostella (2018) oder die einfachen Holzstäbe TwistOut für die Abflussreinigung.
Auch das Projekt Refill (2019), das kostenloses Auffüllen von Wasserflaschen in örtlichen Läden durch einen einfachen Aufkleber an der Tür anbietet, um den Kauf von Plastikwasserflaschen zu reduzieren, ist gerade durch seine Einfachheit ein gutes Hilfsmittel für den Alltag.

Ein Blick in die Zukunft: Wenn Sie an ökologisches Design denken – wo, in welchen Bereichen oder Branchen, sehen Sie noch am meisten Entwicklungspotenzial?

In den Bereichen Kommunikation und Informationstechnologie wünsche ich mir mehr Einreichungen, die sich mit den täglichen Kommunikationsprozessen, d.h. den Datenuploads beschäftigen. Der weltweite Energiebedarf durch Streaming und Klicks sowie der dadurch verursachte CO2-Ausstoß ist immens. Hier könnte Design helfen, Formate anzubieten, die weniger Datenvolumen erfordern, Ladezeiten verkürzen und Strom aus erneuerbaren Energien verwenden, die dann auch schneller und nachhaltiger sind – und trotzdem gut funktionieren und zeitgemäß aussehen.
Und ich wünsche mir mehr didaktische, inhaltlich und formal nachhaltige Materialien für Schulen und Bildungseinrichtungen, die ein Bewusstsein für den verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt zu einer Selbstverständlichkeit werden lassen, ohne Zeigefinger und ohne Untergangsszenarien.
Darüber hinaus gibt es viele Alltagsbereiche (z.B. Kosmetik), in denen das Zusammenspiel von guter Gestaltung und nachhaltigen Angeboten einen großen Unterschied machen könnte, vor allem in den großen Verbrauchermärkten.

Zum Abschluss: Welchen Rat möchten Sie zukünftigen Teilnehmenden oder Entwicklerinnen und Gestalterinnen von Ecodesign-Projekten mitgeben?

Generell ist im Bereich Gestaltung noch Luft nach oben. Engagierte und umweltbewusste Entwickler*innen sollten bereits zu Beginn des Arbeitsprozesses mit Designer*innen zusammenarbeiten und deren Expertise mit einbeziehen. Diese frühe Zusammenarbeit bietet die Chance auf einen anderen, bereichernden Blick auf das Projekt. Außerdem glaube ich, dass einige Einreichungen mit einem professionellen visuellen Auftritt, das heißt, mit gut gestalteten Benutzeroberflächen und Präsentationsmaterialen bessere Chancen auf eine Nominierung oder einen Preis hätten. Nicht umsonst heißt es EcoDESIGNpreis.
Außerdem würde ich mich freuen, wenn sich noch mehr Einreicher*innen aus dem Bereich Nachwuchs in Neuland vorwagen und sich Dinge/Prozesse/Services ausdenken, die wir im Moment vielleicht für nicht machbar halten, aber die morgen möglich sein werden – durch die Kreativität, Intelligenz und Gestaltungskompetenz von jungen Designer*innen und Erfinder*innen.
Darüber hinaus hoffe ich auf mehr Input großer Unternehmen, das heißt, ich wünsche mir mutige Einreichungen, die den Ideenreichtum für nachhaltige Projekte in die Welt bzw. den Markt bringen, und so die Machbarkeit einer nachhaltigen Lebensweise in den Alltag tragen.